Wochenbericht 4: Geflüchtete in unseren Dörfern

Aktueller konnte das Thema der vierten DorfMOOC-Woche nicht sein. Es lautete „Welcome und mehr: Flüchtlinge im Dorf“. Am Beginn der Einheit stand die intensive Auseinandersetzung mit den Fragen, warum und wohin Menschen flüchten. In weiteren Lektionen wurden verschiedene Initiativen aber auch Geflüchtete selbst vorgestellt. In den Diskussionen im Forum  gingen die Teilnehmer*innen den Fragen nach, was wir tun können und welche konkreten Erfahrungen bereits gemacht wurden. Eine Teilnehmerin schrieb dazu: „Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass es sehr wichtig ist, sich zunächst einmal mit der Kultur der Geflüchteten auseinanderzusetzen. Wer versuchen will zu integrieren, sollte zumindest die wesentlichen kulturellen Unterschiede kennen, um auch erklären zu können, was warum in Deutschland anders ist.“
Dem regen Austausch mit den Teilnehmer*innen im Expertenchat am Donnerstagabend stellten sich in dieser Woche Clas Röhl, Mitglied einer ehrenamtlichen Initiative für Flüchtlingsarbeit im osthessischen Schlüchtern, sowie Steffen Schmidt, Fachberater für Evangelische Familienzentren in der EKHN und Experte für Netzwerkarbeit. Gunter Boehmer moderierte diesen Austausch und würdigte zu Beginn die wertschätzende Art der MOOC-Teilnehmer*innen im Forum untereinander. Sie berichteten dort vor allem viele positive Beispiele und Erfahrungen mit Geflüchteten in ihren Orten. Clas Röhl ergänzte seine eigenen, eher negativen Erfahrungen. Probleme gäbe es vor allem dann, wenn Geflüchtete unterschiedlicher Nationalitäten aufeinander treffen, sagte er. Entgegen der landläufigen Meinung, die Solidarität der Flüchtlinge untereinander müsse hoch sein, sei das eher selten der Fall.
Zentrales Problem auf dem Dorf lebender Flüchtlinge: Mobilität
Röhl konstatierte: „Auf dem Lande gibt es nicht so viele Möglichkeiten für die Flüchtlinge, sich weiterzubilden.“ Unzufriedenheit spüre man sehr stark, da die Optionen sehr eingeschränkt sind. „Und mit Neid
wird auf die städtischen Menschen geguckt und die vielen Möglichkeiten, die sie dann dort letztlich haben“, so Röhl weiter. In der Tat bringt das dezentrale Wohnen für Flüchtlinge große Herausforderung mit sich, etwa bei fehlenden Busverbindungen obwohl regelmäßig Ämter in nächstgrößeren Städten aufgesucht werden müssen. Clas Röhl plädierte deshalb besonders dafür, Lösungen in diesem Bereich zu suchen und anzubieten, beispielsweise über eine WhatsApp-Gruppe, die Mitfahrgelegenheiten koordiniert.
Röhl betonte, dass viele Flüchtlinge lange Wege auf sich nehmen, um aus dörflichen Umgebungen in nächstgrößere Städte zu kommen, da dort vielfältigere Möglichkeiten auf sie warteten. „Wir müssen uns mit dieser Unzufriedenheit – ob berechtigt oder nicht – in Zukunft auseinandersetzen“, sagte er. Andererseits verwies er auf die günstigen Wohnverhältnisse in den dörflichen Gegenden, das sage er auch den Flüchtlingen: „Du bist hier gut untergekommen, da könnten Städter nur von träumen.“ Er versuche dann, den Vorzug der oft großen Wohnungen in Dörfern gegenüber den Ein-Zimmer-Wohnungen in Städten hervorzuheben.
Repräsentative Befragung von Geflüchteten zu Flucht, Ankunft in Deutschland und Integration
Thematisiert wurde im Chat auch eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und des Sozio-ökonomischen Panels. Darin ging es unter anderem um Werte, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale der Geflüchteten (Link zur Studie). Davon ausgehend standen im Chat im Fokus des Austauschs die Werte-Diversität, der Austausch über Werte, die Anpassung und das Verständnis füreinander, sowie das Lernen um eigene Werte. Steffen Schmidt kenne aus eigener Erfahrung im Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen die Neugierde und das Interesse, sie fragen sich: „Wie funktioniert Deutschland?“
Ein Teilnehmer bemerkte dazu: „Ich glaube, wir können nicht davon ausgehen, dass andere Länder, andere Völker unsere Werte übernehmen. Ich denke, der kleinste gemeinsame Nenner ist: man muss es akzeptieren, man muss verstehen – aber ob man es übernimmt, da habe ich so meine Zweifel. Was ich erwarte ist natürlich, sie sollen das, was sie hier vorfinden akzeptieren und nicht dagegen sein – aber ob sie es übernehmen, da sind unsere Erwartungshaltungen relativ hoch.“
Handys als Brücke zur Heimat
Die Experten berichteten weiter über die bereits in den Lern-Einheiten vorgestellten Projekte, das Brückencafé in Schlüchtern sowie die Flüchtlingsarbeit in Monsheim. Zum Gelingen solcher Projekte betonte Steffen Schmidt: „Man muss das Gemeinsame sehen und nicht das Trennende.“ Wichtig seien dafür Menschen, die Verbindungen herstellen und Leute zusammenbringen.
Am Schluss des Chats stand die Frage einer Teilnehmerin: „Was fehlt den Menschen, was vermissen sie?“ Clas Röhl antwortete, ihnen fehle vorrangig die Heimat, heimatliche Strukturen und die Umgebung, „das vertraute Umfeld, die Familie und die Großfamilie.“ Er würdigte im Zuge dessen die Nutzung von Smartphones, die enorm wichtig seien, für das seelische Wohlbefinden, weil sie den Kontakt zur Heimat ermöglichten.
„Wir haben noch viel Arbeit vor uns, hinsichtlich der Integration im ländlichen Raum. Es gibt tolle ermutigende Beispiele. Es gibt aber auch eine andere Seite der Medaille, wo ich mir schon ein bisschen Sorgen mache, wie es werden soll, wenn wir nicht auch von der Politik ein Stückchen mehr unterstützt werden. Es gibt eine positive und eine ernüchternde Seite, in meiner Erfahrung“, sagte Clas Röhl abschließend.

Zusammengefasst von Online-Tutorin Mirjam Petermann

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